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Pünktlich zur Eröffnung des Abendessens im Crew-Bereich treffe ich Jonathan Wilson, den 37jährigen Sänger und Produzenten aus den USA.

Bewaffnet mit einem Frucht-Smoothie macht er sich bereit für das Interview.

Jonathan, erst einmal vielen Dank, dass ich das Interview so kurz vor Deinem Auftritt hier in Köln führen darf. Wie sind die Vorbereitungen bislang gelaufen?

Hallo Thomas, bislang ist alles sehr sehr gut gelaufen. Vor ein paar Tagen waren wir in einer ähnlichen Location in Hamburg, das war auch ein Erlebnis und Hamburg hat uns viel Spaß gemacht. Alles läuft nach Plan und ich freue mich schon sehr auf die Show heute Abend hier in Köln.

Ist es Dein erster Besuch hier in Köln?

Nein. Wir waren letztes Jahr in Deutschland und haben Wilco auf ihrer Tour supportet und währenddessen gleich ein paar Headline Shows hier gespielt. Mittlerweile ist es glaube ich das dritte Mal, dass wir in Deutschland sind. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube wir spielen heute das erste Mal in Köln. Und ich muss sagen, es ist wirklich schön hier.

Dein Album „Gentle Spirit“ feiert in diesen Tagen 1-jährigen Geburtstag. Hast Du damals mit diesem Erfolg gerechnet und hat sich Dein Leben seither verändert?

Das Jahr war einfach fantastisch! Es ist wirklich viel besser gewesen, als wir uns das jemals hätten vorstellen können. Seit dem Zeitpunkt sind wir natürlich viel mehr unterwegs. Ich und meine Jungs sitzen andauernd in Tourbussen oder Backstageräumen, jammen zusammen, schreiben an neuen Songs  und haben wirklich eine grandiose Zeit. Das Beste ist definitiv, dass wir auf der Bühne stehen können und endlich unsere Songs live vor einem Publikum performen können. Die Energie, die sich während so einer Live Show entwickelt, gilt es nun einzufangen und in das nächste Album zu stecken. Die Songs werden sicherlich peppiger und rockiger werden. Es ist immer schwierig, auf einer Bühne zu stehen und als Rockband das Publikum mit Balladen umzuhauen. Schon gar nicht, wenn du weißt, dass nach dir Tom Petty auf die Bühne kommt. Das heißt nicht, dass Balladen auf der Bühne generell nicht wirken, aber das funktioniert nicht eine ganze Show lang. 60 % der Stücke auf „Gentle Spirit“ sind Balladen,langsame Nummer. Das hat zur Folge, dass wir auf der Bühne immer ein wenig improvisieren. Das Ziel ist es, so großen Hallen wie diese zum Kochen zu bringen. Das haben wir auf Tour gelernt und das nehmen wir mit, wenn wir das nächste Mal in Studio gehen.

Wo wir gerade bei Studio sind: Du bist nicht nur Sänger, sondern arbeitest auch als Produzent und hast dein eigenes Studio (The Five Star Studio). Hast Du eigentlich noch Zeit, um als Produzent zu arbeiten?

Ich hatte mal viel Zeit dafür, doch seitdem „Gentle Spirit“ veröffentlicht wurde, verweilt der Produzent in mir auf dem Rücksitz und der Performer steht nun vorne auf der Bühne. Priorität hat momentan halt die Musik, die wir zusammen spielen. Es ist wirklich unbeschreiblich, auf der Bühne zu stehen und deine eigenen Lieder zu spielen. Es würde mich sehr freuen, wenn ich die Balance zwischen beiden Dingen halten könnte. Einfach, um mal nach Hause zu fahren, ein paar Tage im Studio zu verweilen und andere Künstlern dabei zu unterstützen Musik zu schreiben, zu spielen und aufzunehmen. Es hat mir halt immer sehr viel Spaß gemacht zu produzieren, deswegen hoffe ich, dass irgendwann auch noch mal die Zeit kommen wird, wo ich wieder für anderen in meinem Studio arbeiten kann. Doch nicht in naher Zukunft, vielleicht als alter Mann wieder (lacht). Der Plan für die nächsten Monate sieht momentan so aus: Wir werden diesen Sommer auf der Straße, in Backstageräumen und auf der Bühne verbringen. Im Herbst geht es dann wieder richtig an die Arbeit – da nehmen wir uns Zeit, an neuen Songs zu schreiben. Das gute an der Sache ist, dass ich eine Menge Songs im Katalog hab. Alte Songs, die ein wenig Zeit zum Reifen benötigten und die wahrscheinlich mittlerweile richtige Juwelen sind. Die werde ich zuerst raus holen und dann an neuen schreiben. Das werden wir dann wohl bis zum Frühling tun. Im Frühling erscheint dann das zweite Album und wir werden wieder auf Tour gehen. Dann beginnt das Ganze wieder von vorne. Vor einem Jahr kam „Gentle Spirit“ raus, seitdem waren wir oft unterwegs, nun sitze ich hier vor dir und schon bald geht das alles wieder von vorne los. Keine Zeit zum Chillen und leider keine Zeit zum Produzieren.

Was machst du denn, wenn du wirklich mal eine Woche einfach frei hast?

Dann schraube ich an meiner Gitarre rum – es gibt immer irgendwas, was auf Tour kaputt geht oder einen schon lange stört. Wenn mich mal was wirklich richtig stört, und ich weiß, dass das nicht reparabel ist, dann baue ich einfach selber Gitarren. Das ist sozusagen mein Hobby. Gitarrenbauer. Ach ja, und natürlich schraube ich auch an der restlichen Technik rum. Ich bin ein kleiner Handwerker. Zu Hause, fernab von der Musik (lacht), verbringe ich auch viel Zeit mit meiner Freundin und meinem Hund. Jeder muss sich mal fallen lassen und zu Hause warten die beiden immer auf mich und fangen mich dann auf. Oh … war das jetzt schlecht für mein Image? (lacht). Darf man heutzutage wieder sagen, dass man eine Freundin hat? Spaß beiseite – das sind die Dinge, die mir wichtig sind.

Wie würdest Du Deine eigenen Songs selbst beschreiben? Sind sie aufgrund der ruhigen und bedachten Art eher traurig oder drücken sie darin auch viel Freude aus?

„Gentle Spirit“ hat sowohl seine ruhigen und sentimentalen, als auch seine energievollen Seiten. Man fühlt jedoch die ganze Zeit über einen sehr düsteren Unterton, der bei jedem Lied mitschwingt. Die Songs habe ich auf der Gitarre und dem Klavier selber komponiert. In ihnen spiegeln sich meine Gefühle und Gedanken wieder. Die Lieder haben somit was ganz persönliches, mir Vertrautes, womit sich der Hörer vielleicht sogar stellenweise identifizieren kann. Ich habe das Album nicht an einem Tag geschrieben, deswegen gibt es fröhliche und sehr traurige Momente auf „Gentle Spirit“. „Gentle Spirit“ ist wie das wahre Leben. Mal läuft alles gut, mal nicht. Das habe ich versucht zu vertonen. Wie vorhin bereits erwähnt, bin ich und auch meine Jungs auf der Bühne immer gut drauf und voller Energie. Das hat halt dann auch zur Folge, dass die Songs live ganz anders klingen. Ich mache seit Jahren schon so Musik. Eigentlich wird sich das Fundament nicht grundlegend ändern. Mal variiere ich mit der Instrumentalisierung, mal drehe ich die Gitarre mehr auf oder unterlege einen Song zusätzlich mit Streichern. Der düstere Unterton wird weiter mitschwingen, auch wenn ich vorhabe, auf dem nächsten Album ein weniger mehr kraft zu stecken. Songs, die nach vorne gehen, mit düsteren Unterton. Klingt spannend.

Was hörst du eigentlich privat für Musik? Gibt es eine Band oder aktuelle Platte, die du ganz toll findest?

Ich bin ein großer Jazz-Fan und habe viele alte Jazzplatten zu Hause. Ich höre generell eigentlich lieber alte Musik. Ich habe keine Zeit mich mit den ganzen neuen Bands zu beschäftigen, was wahrscheinlich auch sehr schade ist, da ich eine Menge gute Bands und Alben verpassen werde. John Coltrane fand ich zum Beispiel schon immer super und seine Songs sind damals wie heute einfach grandios. In meinen Regalen stehen sehr viele alte Schallplatten. Überwiegend Jazz doch auch die Rock Klassiker sind dabei.

Heute spielst Du vor großem Publikum. Wie fühlt sich das an? Und kannst Du Dich noch an Deine ersten Konzerte erinnern?

Diese Shows, als Support für Tom Petty sind wirklich sehr sehr besonders und die größten, die wir jemals gespielt haben. Der Sound auf der Bühne haut dich einfach um. Ich bin mir sicher, so geht es nicht nur den Leuten die vor der Bühne stehen und uns zu hören, sondern auch uns Jungs auf der Bühne. Da gibt es kein vergleich mit einer Clubshow. Wir sind sehr froh mit Tom Petty auf Tour zu sein und erreichen damit so viele neue Leute mit unserer Musik. Es gibt keine bessere Werbung, als im Vorprogramm einer großen Band zu spielen. Außerdem bin ich ein großer Tom Petty Fan und ich war auch total aufgeregt, als wir uns das erste Mal gegenüberstanden und ich mich vorgestellt hatte.  Aber natürlich gibt es dann auch wieder die kleinen Shows. In einem Club zu spielen hat auch was ganz besonderes. Das Gefühl, dass 50, 100, 1000 oder mehr Leute nur kommen um dich zu sehen ist einzigartig. Das Ganze dann im kleinen Rahmen macht die Sache sehr familiärer, sowohl für die Fans, als auch für uns. Wenn ich ehrlich bin, kann ich nicht entscheiden, was ich besser finde. Ich würde mich freuen, wenn wir wenigstens hier die Balance halten können (lacht).

Was können Deine Fans von Dir heute Abend erwarten?

Meine Fans werden einen anderen Jonathan erleben. Nicht nur mit den ruhigen Nummern, wie auf dem Album, sondern mit mehr Schwung und Energie. Auch dazu passt die Band perfekt. Also die Fans können einen super Auftritt erwarten …

Wie kam eigentlich die Zusammenarbeit mit Bella Union zustande?

Alles begann damit, dass die Jungs von Fleet Foxes „Gentle Spirit“ hörten und anschließend mein Album an Bella weitergereicht hatten und sagten: „Hier! Das ist der Typ, der euch noch fehlt!“ (lacht). Kurz darauf saß ich mit Simon [Raymonde] und den Leuten von Bella Union zusammen und wir redeten über einen Vertrag. Ich war schon immer ein großer Cocteau Twins Fan [die Band der Bella Union Gründer Simon Raymonde und Robin Guthrie] und jetzt ein Teil des Labels zu sein, das Simon und Robin gegründet haben, war einfach unfassbar. Mit der Hilfe eines Labels, das einem sehr am Herzen liegt, wusste ich, dass die Veröffentlichung von „Gentle Spirit“ nur positives hervorbringen würde. Ich konnte den Leuten vertrauen und das war für mich sehr wichtig.

Vielen Dank für deine Zeit und das Interview Jonathan. Wir vertrauen jetzt ganz in deine Musik, lehnen uns gleich zurück und werden deinen Auftritt sicherlich genießen. Ich hoffe dir hat das Interview auch so viel Spaß gemacht.

Definitiv. Ich danke euch sehr und hoffe, ihr werdet heute genau so viel Spaß haben wie wir.

Vielen Dank an dieser Stelle an Jonathan, Chris und Kathrin. Ohne deren Support das Interview mit Sicherheit nicht hätte stattfinden können.

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